Dörte Eißfeldt
„Fotos sind wie Wale, die ganze Inseln tragen können“, so beschreibt es die Fotografin Dörte Eißfeldt (*1950), die mit einem zarten, poetischen und stets neugierigen Blick die Welt um uns herum und das Medium selbst erkundet. Über Jahrzehnte hinweg hat sie als eine der bedeutendsten Vertreter:innen der experimentellen Fotografie in Deutschland ein vielschichtiges Werk geschaffen, das immer wieder neu gelesen werden kann. Die Ausstellung Archipelago gibt diesen Inselgruppen der Bedeutung, der Erinnerung, der Analogie und des Momenteindrucks nun einen Raum.
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In Eißfeldts Bildern ist nichts so, wie es scheint. Anstatt Wirklichkeit einfach nur abzubilden, arbeitet sie mit Realitätsfragmenten. Fotografie wird zu einem Medium der Verwandlung. Ein Schneeball schmilzt auf einem Bild, auf einem anderen wirkt er felsartig und wie ein Himmelskörper. Eine Messerklinge erscheint wie ein Megalith. Haut wird metallisch, dann wieder zerbrechlich und porös. In diesen Verschiebungen verbindet sie präzise Beobachtung mit einer sensiblen Reflexion über Körperlichkeit, Stimmung und Darstellung und knüpft dabei an Bildtraditionen aus Film, Malerei und Literatur an.
Eißfeldt nutzt unkonventionelle Entwicklungsmethoden, experimentiert mit Negativ-und Positivumkehrungen, Mehrfachbelichtungen und Solarisation. Ihre Werke zeichnen sich durch Bildmontagen und hybride Serien aus, bei denen analoge und digitale Verfahren miteinander verwoben sind. Dabei arbeitet sie auch mit besonderen Bildträgern, wie etwa Glas, und unter anderem auch deshalb sind fast alle ihrer Werke Unikate, auch wenn sie häufig in Serien entstehen.
Immer wieder lotet die Künstlerin aus, wie Fotografie sich selbst befragt. Sehen wird zu einem Akt des Erkennens und des Infragestellens der eigenen Wahrnehmung. Jedes Bild besitzt für Eißfeldt einen Körper, ein materielles Trägermedium und ein eigenes „Leben“, geprägt durch Papier, chemische Prozesse und die Spuren seiner Herstellung. Viele ihrer Arbeiten entdeckt sie in ihrem Archiv später aufs Neue und entwickelt sie zum Teil weiter, so dass sie in neuen Zusammenhängen fortbestehen und sich im Verlauf der Zeit auch verändern.
Nach ihrem Kunststudium an der HFBK Hamburg in den frühen 1970er-Jahren, zunächst mit Schwerpunkt auf Malerei und Film, entwickelte Dörte Eißfeldt in den darauffolgenden Jahrzehnten eine weitreichende, experimentelle und zutiefst medienreflexive fotografische Praxis. Prozesshaft und spielerisch angelegt, kann Eißfeldts Praxis als Vorläuferin der jüngeren Hinwendung der Künste zur künstlerischen Forschung gelten. Als langjährige Professorin an der HBK Braunschweig prägte sie über zwei Jahrzehnte hinweg maßgeblich eine jüngere Generation von Künstler:innen.
Mit Dörte Eißfeldt . Archipelago präsentiert C/O Berlin eine lang erwartete institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin, deren Lebenswerk zuletzt mit dem Prix Viviane Esders geehrt wurde. Zu sehen sind Arbeiten aus den vergangenen fast fünf Jahrzehnten ihres Schaffens, darunter frühe und noch nie gezeigte Werke aus den 1980er- und 1990er-Jahren, Schlüsselwerke aus ihrem persönlichen Archiv, großformatige Serien sowie bislang unveröffentlichte Skizzen, Kunst- und Notizbücher. Kuratiert von Boaz Levin.
Dörte Eißfeldt (* 1950) lebt in Neuenkirchen und Hamburg. Arbeiten von Dörte Eißfeldt befinden sich in zahlreichen institutionellen Sammlungen, darunter Museum Folkwang, Essen; Sprengel Museum, Hannover; DZ Bank Kunstsammlung, Frankfurt; Staatsgalerie Stuttgart; Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg; Fotohof, Salzburg; Bibliothèque Nationale, Paris; Musée d’Art Moderne, Paris; Musée de la Photographie Européenne, Paris; Museum of Modern Art, New York; und Kolumba, Köln. 2024 erschien im Distanz Verlag die Publikation Stehen Liegen Hängen mit Texten von Rebecca Wilton und Steffen Siegel. Dörte Eißfeldt erhielt im November 2025 den Prix Viviane Esders.
In der dieser Folge von Chats & Tracks öffnet Dörte Eißfeldt Einblicke in ihre Welt der experimentellen Fotografie. Sie erzählt, wie aus Archivfunden, analogen Abzügen und spielerischen Techniken ihre unverwechselbare Bildsprache entsteht, und spricht über Zufall, Serien und die Inspiration durch Naturphänomene. Ein spannendes Gespräch über Kreativität, Materialität und die Entstehung faszinierender Bilder.