C/O Berlin Talent Award 2022

Karolina Wojtas / Matthias Gründig
Untitled, 2017, from the series Abzgram © Karolina Wojtas
Untitled, 2019, from the series Abzgram © Karolina Wojtas

C/O Berlin freut sich, den diesjährigen C/O Berlin Talent Award in der Kategorie Artist an die polnische Künstlerin Karolina Wojtas zu vergeben. Die ausgezeichnete Arbeit Abzgram wird in einer Einzelausstellung vom 28. Jan – 4. Mai 2023 bei C/O Berlin im Amerika Haus in der Hardenbergstraße 22–24, 10623 Berlin präsentiert. Die vier Künstler*innen Lucas Leffler (*1993, Belgien), Irene Antonia Diane Reece (*1993, USA), Alina Schmuch (*1987, Deutschland) und Lisandro E. Suriel (*1990, St. Martin) sind für die Shortlist 2022 nominiert.

Der C/O Berlin Talent Award 2022 in der Kategorie Theorist geht an Matthias Gründig, der den ersten kunsttheoretischen Essay über die Arbeit Abzgram von Karolina Wojtas verfassen wird. Der Essay erscheint zusammen mit einem Interview mit der Künstlerin in einer monografischen Publikation bei Spector Books, die C/O Berlin anlässlich der Einzelausstellung der Künstlerin herausgibt.

Das Projekt Abzgram der Multimediakünstlerin Karolina Wojtas (*1996) hat durch seine böse Ironie überzeugt. Es thematisiert das rigide polnische Schulsystem, das Kindern Regeln auferlegt, die militärische, ja beinahe faschistoide Züge haben. So heißt einer der Punkte im „Classroom Entry Procedure“, dass die Schüler*innen stillzustehen und sich nicht zu berühren haben, die Rucksäcke neben dem rechten Bein auf dem Boden, die Hände am Körper entlang gestreckt, den Blick geradeaus, geräuschlos und ohne Bewegung. Erfährt hier auch der aktuelle Rechtsruck der Landespolitik ein Echo?

Wojtas‘ seit 2017 konstant wachsendes Projekt besteht aus Videos und Fotografien, die von der Künstlerin inszeniert und mithilfe von Found Footage re-arrangiert sind und im Ausstellungsraum zu begehbaren Installationen ausgebaut werden. Sie laden das Publikum ein, die kindliche Unbekümmertheit zurückzuholen. Auf surreale Weise und durch die Sicht der Heranwachsenden geraten die Dinge hier leicht in die Schieflage – Kitsch, Spiel, Exzentrik und Unsinn werden in knallbunten Farben inszeniert. Durch die Erfahrung einer Spannung, die aus persönlichem Widerstand gegenüber der eigenen Erziehung gespeist wird, setzt Wojtas das Reenactment – und lädt die Besucher*innen ein, sich selbst in die Welt des Kindes zurückzuversetzen. Damit fügt sich das Projekt ideal in das Thema des C/O Berlin Talent Awards 2022, das auch in diesem Jahr Neue dokumentarische Strategien ist. Wenn man Schweigen und Haltung als Mittel des Respekts fallen lässt, werden dann Kreativität und Experiment möglich?

Untitled, 2017, from the series Abzgram © Karolina Wojtas
Gewinner*innen

Karolina Wojtas (*1996, PL) schöpft aus der Fantasie von Kindern und verwandelt diese in begehbare Installationen. Ihr Studium hat sie am Institute of Creative Photography in Opava, Cech Republic, und an der Film School Łódź in Polen abgeschlossen. Sie war für den reGeneration Prize des Musée d’Elysée und die Plat(t)form des Fotomuseum Winterthur nominiert und wurde mit dem ING Unseen Talent Award 2019 in Amsterdam ausgezeichnet. Ihre Arbeiten wurden auf dem Fotofestival in Łódź (2021) dem Krakow Photomonth (2020), und dem Noorderlicht International Photo Festival (2020) gezeigt. C/O Berlin wird ihre erste institutionelle Solo-Ausstellung ausrichten und ihre erste Monographie publizieren. 

Untitled, 2018, from the series Abzgram © Karolina Wojtas
Matthias Gründig, C/O Berlin Talent Award 2022–Theorist © C/O Berlin Foundation . Naroska Design

Matthias Gründig (*1989, DE) hat an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Kunstgeschichte und Bildwissenschaft (BA) sowie Kunstgeschichte und Filmwissenschaft (MA) studiert. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter unterrichtet er von 2015– 2022 Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste, Essen, und schließt aktuell sein Promotionsvorhaben mit einer Schrift zu Fotografischen Porträts als Ware und Währung ab. Als Mitherausgeber verantwortet Gründig mehrere Ausstellungskataloge sowie ein Sonderheft des PhotoResearchers zum Themenkomplex Fotografie und Spiel (2017). Er publizierte bisher unter anderem in Zeitschriften wie History of Photography, Fotogeschichte und EIKON. Matthias Gründig lebt in Essen.

Als Fotohistoriker mit Arbeitsschwerpunkten zum sozialen Bildgebrauch und zur Spieltheorie konnte sich Matthias Gründig unter knapp 30 internationalen Einsendungen durchsetzen. Neben seinem Profil, das ideal zu den Inhalten des diesjährigen künstlerischen Gewinnerinnenprojekts passt, überzeugten Gründigs eingereichte Textproben durch analytisches Abstraktionsvermögen, das es ihm ermöglicht, sein breites historisches Wissen für die künstlerische Gegenwartsfotografie nutzbar zu machen und komplexe Inhalte so fundiert zu beleuchten.

Jury
Jury Mitglieder des CO Berlin Talent Award 2022
Jury Mitglieder C/O Berlin Talent Award 2022 © C/O Berlin Foundation, David von Becker

Die Expert*innenenjury für die Kategorie Artist, bestehend aus Bruno Ceschel (Herausgeber und Gründer von Self Publish, Be Happy, London), Eli Cortiñas (Künstlerin und Professorin für Medienkunst, HGB, Leipzig/Berlin), Dr. Eva-Maria Fahrner-Tutsek (Vorstandsvorsitzende, Alexander Tutsek-Stiftung, München), Jane‘a Johnson (Künstlerische Leitung, Foam, Amsterdam ), Dr. Kathrin Schönegg (Kuratorin, C/O Berlin) und Lars Willumeit (Kurator, Musée de l‘Élysée, Zürich), hat die diesjährige Gewinnerin und die Shortlist benannt. Die Arbeiten der Shortlist- Kandidat*innen werden in der Herbstausgabe der C/O Berlin Zeitung vorgestellt und in Kooperation mit dem Magazin Der Greif online präsentiert.

Die Expert*innenjury für die Kategorie Theorist, bestehend aus Dr. Steffen Siegel (Professor für Geschichte und Theorie der Fotografie, Folkwang Universität Essen) und Dr. Kathrin Schönegg (Kuratorin, C/O Berlin), hat einstimmig entschieden.

Jury Mitglieder des CO Berlin Talent Awards Theorie Dr. Steffen Siegel und Dr. Kathrin Schönegg
Jury Session mit Dr. Steffen Siegel und Dr. Kathrin Schönegg © C/O Berlin Foundation
Shortlist
Solarized Archive #01, from the series Silver Creek © Lucas Leffler

Lucas Leffler (geb. 1993, Belgien) beeindruckte die Jury mit seinem Projekt Silver Creek. Darin beschäftigt er sich mit der Geschichte des belgischen Fotounternehmens Gevaert, das in den 1920er-Jahren bei der Produktion von Fotofilmen unabsichtlich tonnenweise Silber entsorgte, und hinterfragt auf diese Weise den ökologischen Fußabdruck des Mediums Fotografie. Auf der Grundlage von Archivrecherchen, fotografischen Hinterlassenschaften und experimenteller Bildgestaltung mit dem silberverseuchten Schlamm eines einst verseuchten Baches lässt das Projekt eindrucksvoll die Geschichte wiederaufleben und hinterfragt Prozesse der Industrialisierung und Massenproduktion.

Mudprint #05, 100x150 cm, Installation view at CACLB (Etalle, BE), from the series Silver Creek © Lucas Leffler

In Home-goings greift die zeitgenössische Künstlerin und visuelle Aktivistin Irene Antonia Diane Reece (geb. 1993, USA) auf die Rolle der Black Church als Zufluchtsort für Schwarze Menschen zurück. Es ist eine Hommage an die Schwarze Befreiungstheologie, indem es die Kirche als Instrument zur Feier, zum Schutz und zur Bewahrung Schwarzen Lebens einsetzt. Neben originären fotografischen Bildern bezieht Home-goings zugleich Familienarchive, ikonische Kirchenobjekte, Gesten und performative Darbietungen ein. Besonders beeindruckt hat die Jury die Vielschichtigkeit des Projekts, das den politisch subversiven Charakter Schwarzer Begräbnistraditionen aufgreift, um das Leben Schwarzer Menschen zu feiern, in einer geschickten Verbindung von Text und Bild.

Protect Black Girls (Vorderseite des Fächers), Inkjet-Druck auf Kirchenfächer, Houston, Texas, 2020 © Irene Antonia Diane Reece
Dancing with the sea no. 1, Inkjet-Druck, Galveston, Texas, 2021 © Irene Antonia Diane Reece
Amphibious Paths, 2022 © Alina Schmuch und Maria Ebbinghaus

Das Projekt Amphibious Paths von Alina Schmuch (geb. 1987, Deutschland) und der Szenografin Maria Ebbinghaus (geb. 1986, Deutschland) befasst sich mit Formen der Anpassung an den Anstieg des Meeresspiegels aufgrund des Klimawandels. Das in Zusammenarbeit mit verschiedenen Wissenschaftler*innen entstandene Mixed-Media-Projekt beeindruckte die Jury sowohl durch seine fundierte künstlerische Forschungsmethodik als auch durch den Vorschlag einer Belebung des Ausstellungsraums durch Simulationsübungen, die im Ausstellungsverlauf von den Wissenschaftler*innen umgesetzt werden.

Amphibious Paths, 2022 © Alina Schmuch und Maria Ebbinghaus

Die künstlerische Praxis von Lisandro E. Suriel (geb. 1990, St. Martin) ist von erlesener Flüchtigkeit und bleibt zugleich einem tief verwurzelten Prozess der Recherche und des kritischen Fabulierens treu. Seine Arbeiten des Projekts Ghost Island bilden ein bewusstes Gewebe aus Geschichten, Oral History und den Lücken, die einen Blick auf durch das wohlbekannte koloniale Geschehen gebrochene Identitäten erlauben. Suriel greift die grundlegende Wissensproduktion jenseits westlicher und anthropozentrischer Vorstellungen auf und feiert damit die ungebrochene Geschichte einer reichen Kultur, des Widerstands und der gegenseitigen Abhängigkeit und widersetzt sich den gängigen Erwartungen an karibische Identitäten. Mit den Mitteln des magischen Realismus zielt seine Arbeit darauf ab, das Unterbewusstsein und das Kollektive zu dokumentieren, um sich so die eigene Handlungsmacht und historische Erinnerung zurückzuerobern.

Myths and Sages of West India © Lisandro E. Suriel
Birth of Paradies: The New World © Lisandro E. Suriel
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