The Lure of the Image
Wie locken oder betören uns Bilder, die online zirkulieren? Wie fesseln, steuern oder täuschen sie uns? Die 14 künstlerischen Positionen in der Ausstellung setzen sich mit visuellen Phänomenen auseinander, die im Netz als Vehikel für Kommunikation, Kritik oder Komik dienen. Sie veranschaulichen, welche zentrale Rolle Bilder in der Gestaltung unserer sozialen, kulturellen und politischen Umgebung spielen.
The Lure of the Image lädt dazu ein, die visuellen Welten von Social-Media-Feeds, Dating-App-Profilen, Beauty-Filtern, Memes, ASMR-Videos, cute (niedlichen) oder cursed (verfluchten) images, Emojis, computergenerierten Bildern oder pixeligen Screenshots zu erkunden, die als Verschwörungstheorien oder als Protestmittel gleichermaßen zum Einsatz kommen können. Dabei legen die künstlerischen Arbeiten die komplexen Mechanismen der Verführung im digitalen Raum offen und beleuchten, wie Bilder und die ihnen zugrunde liegenden Strukturen – von Algorithmen bis zu Datensätzen – unsere Aufmerksamkeit lenken, Gefühle provozieren und Meinungen beeinflussen, und uns dabei nicht selten auf Um- oder Abwege führen.
Durch die Gegenüberstellung unterschiedlicher medialer Strategien – von Archiv über Installation bis zu collagebasierten Arbeiten – sowie die räumliche Inszenierung, die zwischen Überwältigung und Reflexion wechselt, machen die verschiedenen künstlerischen Positionen die Widersprüche digitaler Bildwelten erfahrbar.
So setzt sich Zoé Aubry (*1993) in der Installation #Ingrid (2022) mit medialer Gewalt gegen Frauen auseinander, indem sie eine digitale Protestbewegung archiviert, die entwürdigende Tatbilder durch würdige, kollektive Erinnerungsbilder ersetzt. Dina Kelberman (*1979) untersucht in ihrer immersiven Videoinstallation The Wave (2025) das Phänomen von ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response), in welcher sie tausende vermeintlich beruhigende Clips zu einer überwältigenden Bild- und Klanglandschaft verdichtet, die die Ambivalenz zwischen Entspannung und Reizüberflutung offenlegt. In #dominicanwomengooglesearch (2016) hinterfragt Joiri Minaya (*1990) stereotype Darstellungen weiblicher Körper im Netz und legt koloniale, exotisierende Blickregime offen, die durch Suchalgorithmen reproduziert werden. Und Jenny Rova (*1972) reflektiert in A MILF DREAM – My matches on Tinder (2024) persönliche Erfahrungen im Online-Dating und zeigt, wie Intimität, Begehren und Selbstinszenierung in standardisierten Bildlogiken verhandelt werden.
In ihren präzise arrangierten Stillleben-Fotografien in Digital Semiotics (2024–2025) beschäftigt sich Viktoria Binschtok (*1972) mit der allgegenwärtigen Nutzung von Emojis und der Weiterentwicklung ihrer Bedeutungsebenen sowie ihren kulturellen und gesellschaftspolitischen Implikationen. Dabei stellt sie heraus, wie diese über ihre nutzerinnenfreundliche Anwendung hinaus in bestimmten Kontexten komplexe Debatten prägen, politische Zensur unterlaufen sowie Zusammenhalt und Engagement begünstigen können. Schließlich analysiert Noura Tafeche (*1987) in ihrer intensiven Recherchearbeit Annihilation Core, Inherited Lore ٩(͡๏̯͡๏)۶ 2023–) wie „kawaii“-Ästhetiken (einem kulturellen Phänomen aus Japan, das Niedlichkeit und Unschuld in den Vordergrund stellt) und popkulturelle Bildsprachen zur Verbreitung von Gewalt, Ideologien und Propaganda instrumentalisiert werden. Gemeinsam machen die Arbeiten deutlich, wie digitale Bilder unsere Wahrnehmung prägen und zugleich Räume für Kritik und Gegenbilder eröffnen.
Mit Arbeiten von Zoé Aubry, Sara Bezovšek, Viktoria Binschtok, Sara Cwynar, Éamonn Freel x Lynski, Dina Kelberman, Michael Mandiberg, Joiri Minaya, Simone C Niquille, Jon Rafman, Jenny Rova, Hito Steyerl, Noura Tafeche und Ellie Wyatt.
Kuratiert von Marco De Mutiis, Doris Gassert und Alessandra Nappo (Fotomuseum Winterthur) und adaptiert von Boaz Levin für C/O Berlin. Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen.