Queerness in Photography

17. Sep 2022 – 18. Jan 2023
Anonymous, Untitled, USA, ca. 1930. Sébastien Lifshitz Collection
Zackary Drucker, Rosalyne, 2019 © Zackary Drucker . Courtesy the artist and Luis DeJesus Los Angeles

In drei komplementären Ausstellungen untersucht C/O Berlin mit Queerness in Photography die fotografische Darstellung von Identität, Geschlecht und Sexualität: von historischem Bildmaterial, das den Akt des Fotografierens als Akt der Identitätsfindung zeigt, über einen einzigartigen Safe Space bis hin zu zeitgenössischen Ausdrucksformen von Geschlechterfluidität, welche die Frage aufwerfen, ob sozial konstruierte Geschlechter heutzutage überhaupt noch zeitgemäß sind. 

Seit ihrer Erfindung im Jahr 1839 hat die Fotografie Menschen nicht nur abgebildet, sondern auch ihre gesellschaftspolitische Position maßgeblich geprägt, indem sie Personen aufgrund von physischen Merkmalen, Verhalten oder Kleidung visuell kategorisiert hat. Durch das Einschreiben von konstruierten Geschlechterrollen wurde sie auch zum Medium der Stigmatisierung und Diskriminierung.

Die drei Ausstellungen offenbaren ein vielschichtiges Panorama und zeigen, dass Fotografie auch ein Akt der Befreiung und Selbstermächtigung sein kann. Indem die eigene Identität visualisiert oder der gemeinschaftliche Zusammenhalt in der queeren Community dokumentiert wird, entstehen neue künstlerische Formen von Repräsentation.

Under Cover . A Secret History of Cross-Dressers
Sébastien Lifshitz Collection

Die Sammlung des französischen Filmemachers Sébastien Lifshitz zeigt über mehrere Jahrzehnte zusammengetragene Amateurfotografien. Seit den 1860er-Jahren nutzten Menschen das Medium, um ihre durch Kleidung oder physische Merkmale zugeschriebene Geschlechtsidentität zu be- und hinterfragen und sich selbst vor der Kamera zu erforschen.

Ohne die jeweiligen Entstehungsgeschichten oder persönlichen Beweggründe zu kennen, wird in diesen Darstellungen der Wunsch der Porträtierten deutlich, sich selbst vor der Kamera zu erforschen: neben dem Aufbegehren gegenüber aufgezwungenen, gesellschaftlichen Erwartungen und politischen Regulierungen machen sie sich im fotografisch produzierten Selbstbildnis der eigenen Identität bewusst. 

Die visuellen Zeugnisse der Sammlung Lifshitz gehören somit zu den bedeutsameren Entdeckungen der jüngeren Fotografiegeschichte, die eine Leerstelle im kulturellen Gedächtnis füllt. Die Ausstellung wurde produziert von Les Rencontres d'Arles.

Anonymous, Mrs. Kerr, Schlatter, Sallars and Bentzinger, USA, ca. 1910. Sébastien Lifshitz Collection
Image from Casa Susanna . Courtesy Cindy Sherman Collection

Casa Susanna . Cindy Sherman Collection

In der Ausstellung präsentiert die wohl berühmteste Verkleidungskünstlerin der Welt ihre Sammlung von Originalbildern der Casa Susanna – einem Safe Space für Cross-Dresser:innen und trans Frauen in den 1950er- und 1960er-Jahren in Hunter, New York. Innerhalb dieser kleinen Community konnten die Mitglieder gemeinsam ihre Identität erforschen – zu einer Zeit, in der Lebensentwürfe, Sexualität und Geschlecht abseits heteronormativer Vorstellungen und Konventionen stigmatisiert oder sogar strafrechtlich verfolgt wurden. 

Der Akt des Fotografierens innerhalb dieser Community war von höchster sozialer Explosivität, da die Mitglieder visuell dokumentierten, was zu dieser Zeit nicht sein durfte: ein Leben außerhalb sozial konstruierter Geschlechterrollen sowie eine auf den eigenen Bedürfnissen basierende Persönlichkeitsentwicklung. Dabei offenbart die Bilderwelt der Casa Susanna nicht nur den Zusammenhalt und die Solidarität innerhalb dieser Community, sondern es wird eine in die Bilder eingeschriebene Unbeschwertheit und Fröhlichkeit spürbar, die gerade deshalb entstand, da sich Menschen dort frei entfalten konnten. 

Orlando . Curated by Tilda Swinton

1992 spielte die Schauspielerin Tilda Swinton in dem preisgekrönten Film Orlando (Regie Sally Potter), der auf dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf aus dem Jahr 1928 basiert, die Gender-nonkonforme Hauptrolle. 

Ich sehe Orlando als eine Geschichte über das Leben eines Menschen, der danach strebt, sich vollständig von den Konstruktionen des Geschlechts oder sozialer Normen zu befreien.“ – Tilda Swinton

Hinter der Folie der Buch- und Filmvorlage hat Swinton im Auftrag des Magazins Aperture für C/O Berlin die Ausstellung Orlando . Curated by Tilda Swinton zusammengestellt. Geschlechterfluidität und die Idee eines grenzenlosen Bewusstseins verweben sich hier auf eine neue Art innerhalb der Ausstellung.

Sally Potter, from Orlando Photo Album, spring 1988 © Sally Potter Courtesy the artist and Bridget Donahue, New York
Jamal Nxedlana, FAKA Portrait, Johannesburg, 2019 © Jamal Nxedlana

Die zum Teil eigens für die Ausstellung konzipierten Arbeiten präsentieren unterschiedliche Blickrichtungen auf Fragen von Identität, Geschlecht, Herkunft und Sexualität. In der Vielfalt der künstlerischen Ansätze und Perspektiven werden gängige Vorstellungen, Darstellungsformen und Machtverhältnisse aufgebrochen. Durch die Auswahl der Künstler:innen, ihrer künstlerischen Neuinterpretation der Themen sowie der identitätsstiftenden Konstruktion von neuen Narrativen bekommen bisher häufig marginalisierte oder unterrepräsentierte Sichtweisen eine Bühne.

Die Ausstellung zeigt die Arbeiten der Künstler:innen: Zackary Drucker, Lynn Hershman Leeson, Paul Mpagi Sepuya, Jamal Nxedlana, Elle Pérez, Walter Pfeiffer, Sally Potter, Viviane Sassen, Collier Schorr, Mickalene Thomas und Carmen Winant. Die Ausstellung wurde organisiert von Aperture, New York.

Utopia/Dystopia

Das Ausstellungsprogramm wird von der durch Todd Sekuler & Zoya. kuratierten Veranstaltungsreihe Utopia/Dystopia an verschiedenen Orten Berlins ergänzt und erweitert. Im Laufe der Geschichte haben queere, trans und gender-nonkonforme Personen immer wieder die Fotografie dazu genutzt, Bilder zu schaffen, die ihrer mangelnden Repräsentation entgegenwirken oder alternative Welten entwerfen, in denen Fluidität, Kreativität und Lebensfreude ihren Platz finden. Ungeachtet von Versuchen in Richtung Inklusion und Repräsentation nehmen nach wie vor viele queere Menschen Zuflucht in selbstgeschaffenen Welten, anstatt für die Zugehörigkeit zu einer Welt zu kämpfen, die auf ihrer Ausgrenzung und ihrem ‚Othering‘ basiert. Eben dies haben wohl auch jene Personen in ihrer jeweiligen Zeit unternommen, die in Selbstporträts oder auf andere Weise in den Ausstellungen von Queerness in Photography vertreten sind. Allerdings schweben diese Menschen und visuellen Artefakte durch den spezifischen Blick, den wir auf sie werfen, und die Sprache, mit der wir sie beschreiben, durchgehend in der Gefahr, geglättet, vereinnahmt und ihrer radikalen Bedeutung beraubt zu werden. Die von Todd Sekuler & Zoya. kuratierte Veranstaltungsreihe Utopia/Dystopia wirft die Frage auf, was geschieht, wenn Bilder wie diese aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen, einem Archiv einverleibt und in einem institutionellen Rahmen präsentiert werden. Wie können wir ihre utopischen Versprechen und Potenziale verorten, bewahren und stärken?

Mit einem C/O Berlin Ausstellungsticket für Queerness in Photography besteht ungeachtet der Tagesgültigkeit freier Eintritt bei allen Utopia/Dystopia-Veranstaltungen. Tickets sind ggf. an der Abendkasse des jeweiligen Veranstaltungsortes erhältlich.

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