Sheung Yiu

(Inter)faces of Predictions . C/O Berlin Talent Award 2025
7. Feb – 10. Jun 2026
It’s a Face-Eat-Face World, Video Still, 2026
© Sheung Yiu

„Das Gesichtlesen ist in vielerlei Hinsicht kein gefährliches Spiel. Seitdem dieses in der Praxis nicht mehr spirituellen, sondern wirtschaftlichen Geboten folgt, hat parallel dazu die menschliche Handlungs macht immer mehr an Bedeutung verloren.“ 
Megan Williams . C/O Berlin Talent Award 2025 – Theorist

In seinem Langzeitprojekt untersucht der in Finnland lebende Artist Researcher Sheung Yiu (*1991, HKG) wie Gesichter in unterschiedlichen zeitlichen, kulturellen und technologischen Kontexten zu Projektionsflächen für vermeintliche Vorher- sagen von Charaktereigenschaften sowie der Zukunft einer Person verwendet werden.

Anhand seines eigenen Gesichts veranschaulicht Yiu, wie sich über Jahrhunderte hinweg ähnliche Denkmuster wiederholen: das Vertrauen in lesbare Zeichen, das Bedürfnis nach Ordnung und Prognose sowie die latente Gefahr stereotyper Zuschreibungen. Dabei verbindet Yiu traditionelle ostasiatische Praktiken des Gesichtlesens mit westlichen physiognomischen Theorien und den neuesten Verfahren computergestützter Gesichtserkennung. Damit öffnet Yiu den Blick auf dringliche Fragen, die im Zeitalter von groß angelegten Computer-Visions-Modellen, anthropometrischen Bewertungen und datenbasierter Überwachung zunehmend an Relevanz gewinnen.

Rules to Judge Eyes II, 2024
© Sheung Yiu
Cruel Eyes and Deceitful Ear, 2024
© Sheung Yiu

Die multimediale Ausstellung bildet mit Fotografien, Found Footage, Objektinstallationen sowie einem Videoessay ein dichtes Gefüge, das die verschiedenen Facetten des Gesichtlesens und der Gesichtserkennung greifbar machen. Ein wiederkehrendes Motiv der Ausstellung ist das Symbol des Ouroboros – der sich selbst verschlingenden Schlange. Es prägt auch die Raumkonzeption, die als Rundgang aufgebaut ist. Als Metapher für zirkuläre Logiken verweist es einerseits auf einen endlosen Kreislauf mit immer wiederkehrenden Mustern in Glaubenssystemen in der Geschichte, andererseits auf Feedbackschleifen und Datenströme, die maschinelles Lernen speisen und neue Klassifikationen hervorbringen.

Yius visuelle Archäologie der Gesichtsanalyse besteht aus einem umfangreichen Ensemble aus Found Footage. Inspiriert von Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne, skizziert das Material die Entwicklung einer Bildkultur, die sich zwischen spiritueller Deutung, pseudowissenschaftlicher Klassifizierung und technischer Optimierung bewegt.

Mit Drucken auf Kalligrafie Papier und eingravierten Textfragmenten auf Naturstein knüpft Yiu an historische Materialien an, die in der ostasiatischen Tradition zur Vermittlung von Weisheiten genutzt wurden. Ihnen stehen metallische, leuchtende und spiegelnde Oberflächen gegenüber, wie man sie unmittelbar mit der Materialität von Technik und Technologie in Verbindung bringt. Ergänzt durch eigene fotografische Arbeiten, schafft Yiu ein offenes, assoziatives Netz, das Vergangenheit und Gegenwart, Kunst und Wissenschaft miteinander verknüpft.

Schließlich zeigt ein Videoessay den Künstler als Avatar, der eine Landschaft entlangläuft, die sich später als sein eigenes Gesicht offenbart. Aus dem Off reflektiert Yiu über die Geschichte der Gesichtserkennung bis hin zu aktuellen Entwicklungen wie Deepfakes und synthetischen Gesichtsdatensätzen. Auf eindringliche Weise legt er offen, welche wachsende Macht Algorithmen über unsere Identität gewinnen und lädt dazu ein, unser Vertrauen in den vermeintlich objektiven Blick zu hinterfragen – ob spirituell, wissenschaftlich oder algorithmisch.

C/O Berlin präsentiert mit (Inter)faces of Predictions die erste institutionelle Einzelausstellung des Künstlers in Deutschland, begleitet von einer umfassenden Publikation. Kuratiert von Veronika Epple.

Seit 2020 wird der C/O Berlin Talent Award durch die Alexander Tutsek-Stiftung ermöglicht.

It’s a Face-Eat-Face World, Video Still, 2026
© Sheung Yiu
Biografie

Sheung Yiu (*1991, HKG/FIN) ist ein in Hongkong geborener, visueller Künstler und Forscher, der in Helsinki lebt. In seiner künstlerischen Arbeit untersucht er Bildpraktiken, die an der Schnittstelle von allgegenwärtiger Fotografie und groß angelegter Datenverarbeitung entstehen. Derzeit beschäftigt er sich mit der Geschichte des Gesichtlesens und der Gesichtserkennung, um zu verstehen, wie Fotografien zu Vorhersagen werden. Seine Arbeiten manifestieren sich in Form von Fotografien, Videoessays, Desktop-Performances, Ausstellungsinstallationen und Künstlerbüchern.

Megan Williams (*1995, UK) ist Autorin, Redakteurin und Forscherin im Bereich Kunst mit Sitz in London. Ihre Texte wurden unter anderem im Guardian, bei Elephant, CNN und Creative Review veröffentlicht, wo sie von 2019 bis 2025 Teil des Redaktionsteams war. 2024 präsentierte sie ihre Forschung zur Darstellung gesellschaftlicher Unruhen im Zeitalter Künstlicher Intelligenz im Rahmen eines Symposiums der Photographers’ Gallery und der University of Westminster. Ihr Fokus liegt auf künstlerischen Praktiken und kritischen Theorien, die das Verhältnis von Bildproduktion, Technologie und Kultur untersuchen – einschließlich ethischer Fragestellungen.

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