Aladin Borioli

Bannkörbe . C/O Berlin Talent Award 2023
27. Jan – 21. Mai 2024
Bannkorb, 2023, Deutschland, Sammlung Hans-Günther Brockmann © Aladin Borioli, Ellen Lapper (Apian)

„Davon auszugehen, dass wir mit der Sichtweise der Biene bereits vertraut seien oder dass sie zwangsläufig mit bestehenden Theorien übereinstimme, trägt nicht dazu bei, den Wunsch der Biene zu erkennen.“  – Bas Blaasse . C/O Berlin Talent Award 2023 – Theorist

Bannkorb, 2023. Provenienz: Institut für Bienenkunde Celle, Deutschland © Aladin Borioli, Françoise Borioli (Apian)

Auf den ersten Blick ist ein bizarres, in Holz geschnitztes Gesicht zu erkennen. Doch hinter der schmalen Öffnung, die den Mund darstellt, verbirgt sich weitaus mehr: Sie ist der Eingang in die faszinierende Welt der Bienen. Was wir sehen, ist einer von nur wenigen erhaltenen Bannkörben – ein Bienenstock, hergestellt aus organischen Materialien wie Holz, Stroh und Kuhdung. Diese spezielle Form der Imkereitechnik und Kunstwerkstradition war vor allem zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert in Norddeutschland verbreitet. Die Körbe, jedes für sich ein Unikat, zeichneten sich durch ihre charakteristischen grotesken Masken aus, die den ‚bösen Blick‘ sowie Honigdiebe abwehren sollten. Innerhalb der Bienenforschung spiegeln sie den Glauben an Magie wider und bilden damit ein Modell, das im Gegensatz zu verschiedenen Arten des ‚modernen‘ Bienenstocks steht. Letzterer zielt häufig auf Produktivität, Profitorientierung und die Kontrolle von Bienen mittels moderner Technologien ab.

In seinem Langzeit-Rechercheprojekt Bannkörbe untersucht Aladin Borioli (*1988, Schweiz) in Zusammenarbeit mit Bienenforscher:innen, Wissenschaftler:innen, Sammler:innen und Imker:innen auf künstlerisch-forschende Weise die soziohistorische, politische und ökologische Beziehung zwischen Menschen und allen Bienenarten. Bannkörbe stellt dabei eines von vielen Unterprojekten von Apian dar, einer kollaborativen Entität, initiiert von Aladin Borioli. Apian versteht sich als ein sich stetig erweiterndes und nie abgeschlossenes Archiv, das als eine Art ‚Bienenministerium‘ fungiert. Das Multimediaprojekt Bannkörbe wird bei C/O Berlin erstmals in den Ausstellungsraum übersetzt.

Imkerschleier. Quelle: Réaumur, „Geschichte der Bienen“, Frankfurt/ Leipzig: Göbhards seel Erben, 1759
Titelblatt des Magazins Bee Craft, das jemanden beim Weben eines Bienenstocks zeigt. Bee Craft, V. 67, no. 07, Tonbridge: Juli 1985

Die komplexe Ausstellung gliedert sich in verschiedene Stationen, die das Konzept des Bienenstocks, den alten Bienenglauben und die faszinierenden Möglichkeiten der Technik bei der Umsetzung alternativer Methoden der Bienenhaltung beleuchten. Neben eigenen künstlerischen Werken und einem fotografischen Verzeichnis mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen von Bannkörben, lässt sich über die Jahre gesammeltes Archiv- und Forschungsmaterial aus der Bienenforschung sowie Kulturgeschichte erkunden.

In einem abgeschlossener Raum mit einer Videoinstallation, die einen ‚modernen‘ Bienenstock von innen simulieren soll, können Besucher:innen Bienenwaben aus nächster Nähe beobachten, während ein interaktiver Forschungsbereich zu einer vertiefenden Auseinandersetzung einlädt.

Mit Beharrlichkeit, Einfallsreichtum und der Methodik der visuellen Anthropologie bewegt sich Borioli in seiner Praxis zwischen Kunst und Wissenschaft, Fotografie, Philosophie und Feldforschung. Seine kollaborative Arbeitsweise schafft ein außergewöhnliches Zusammenspiel unterschiedlicher Akteur:innen, Disziplinen und Denkweisen und eröffnet so verschiedene Perspektiven auf Bienen – und, sofern das möglich und mit den ethischen Leitlinien vereinbar ist, auch die Perspektive der Bienen selbst. Angesichts des alarmierenden Bienensterbens der vergangenen Jahrzehnte ist die Ausstellung Aladin Borioli . Bannkörbe ein Versuch, das Thema einer nachhaltigen Imkerpraxis in der Gegenwart zu verorten sowie Impulse für eine aktivere Fürsorge der Bienen zu setzen.

Flügel einer Arbeitsbiene. Central-Verein für Hebung und Verbreitung der Bienenzucht in Italien, Atlas für Bienenzucht, Berlin: C. A. Schwetschke und Sohn, 1901
Bannkorb, 2023. Provenienz: Heimatbund Museum Soltau, Deutschland © Aladin Borioli (Apian)

Aus Sicht der Jury interpretiert Aladin Boriolis künstlerische Strategie auf ideale Weise das Thema der New Documentary Strategies, für das der C/O Berlin Talent Award vergeben wird. Der Künstler erhält ein Preisgeld und wird mit der ersten institutionellen Einzelausstellung Aladin Borioli . Bannkörbe bei C/O Berlin geehrt. Zur Ausstellung erscheint eine begleitende Publikation bei Spector Books, Leipzig, mit Texten des parallel ausgezeichneten Theoretikers Bas Blaasse.

Biografie

Aladin Borioli (*1988, CH) studierte Grafikdesign an der École d‘arts appliqués de La Chaux-de-Fonds, Fotografie an der Hochschule für Kunst und Design Lausanne (ECAL) und hat einen Master of Arts in Visual and Media Anthropology an der Freien Universität Berlin. Seine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Bienenhaltung. Er hat Preise und Stipendien im Bereich der Kunst, aber auch der Wissenschaft erhalten, zuletzt ein Stipendium am Hanse-Wissenschaftskolleg (Deutschland). Die Arbeiten des Künstlers wurden u.a. beim Festival Images, Vevey und im Centre d’Art Neuchâtel (CAN, beide Schweiz) gezeigt. Seine Publikation Hives 2400 B.C.E. – 1852 C.E., die 2020 erschienen ist, präsentiert gesammeltes Archivmaterial zum Thema Bienenzucht.

Bas Blaasse (*1991, NL) schreibt über Kunst und Kultur und fokussiert sich dabei häufig auf kamerabasierte Medien und darstellende Künste. Seine Texte bewegen sich an der Schnittstelle von Fiktion und Theorie. Er studierte Philosophie in Leuven, Berlin und Brüssel sowie Fotografie in Breda. Er arbeitet hauptsächlich in den Niederlanden und Belgien und ist derzeit Redakteur beim HART Magazine.

Ermöglicht durch
Medienpartner